Wir statt Ich

50 Jahre nach Woodstock tritt mit Fridays for Future eine neue Jugendbewegung auf. Ihre Gemeinsamkeit: Ihr familiärer Zusammenhalt in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung.

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Richie Havens wäre an jenem Freitag im August 1969 eigentlich noch gar nicht dran gewesen. Da aber niemand ausser ihm da war, der sich imstande sah, das Festival zu eröffnen, ging er auf die Bühne. «3 Days of Peace & Music» waren angekündigt, Ungeduld vor, Ungeduld hinter der Bühne. Also eröffnete Havens kurzerhand Woodstock, eröffnete das koordinierte Chaos, in dem eine halbe Million Ichs zu einem Wir werden sollten.

Ob Havens nun drei Stunden durchspielte, da Sweetwater wegen des Staus eingeflogen werden mussten, oder es doch 45 Minuten waren, darüber existieren einige Mythen. Wie ja ganz Woodstock ein Metamythos ist. 50 Jahre später sind diese wilden Tage im August 1969 noch immer Teil des kollektiven Rebellions- und Musikgedächtnisses. Woodstock und die Hippiebewegung, die Studentenproteste und die Kämpfe der 68er erscheinen umso aktueller, je entschiedener die Klimakinder von 2019 ihre Gegenwelt einfordern. Havens gingen damals jedenfalls langsam die Songs aus. So entstand aus Not und Improvisation «Freedom» – und der Untertitel für diese Flower-Power-Weltflucht-Veranstaltung.

Was diese Menschen wollten, war natürlich Musik. The Who, Janis Joplin. Marihuana, LSD, befreite Sexualität und Entgrenzung gehörten auch dazu. Wäre das aber alles gewesen, dass Menschen unter dreissig sich zum gemeinschaftlichen Abtöten von Gehirnzellen treffen, wäre Woodstock nicht zu diesem Symbol von Widerstand geworden. Um freedom ging es dann auch; die Hippies wollten raus aus der normativen Enge, in die ihre Eltern sie hineingeboren hatten. Raus aus autoritären Strukturen und Fremdbestimmung, raus aus dem Vietnamkrieg, der nicht ihrer und doch ihrer war.

In den Tagen vom 15. bis 18. August 1969 – nur sechs Tage nach den Morden der Manson-Sekte, die sich auch irgendwie als Hippie-Kommune verstand – war jene bunte Zeit fast schon wieder vorbei. Gerade noch rechtzeitig traf man sich in Woodstock zu einem sozialen Experiment, bei dem sich eine halbe Million Individuen vergewisserten, dass das möglich war: Frieden und Freiheit unter Fremden.

Ein halbes Jahrhundert später hat nun eine neue Jugendbewegung die Weltbühne betreten. Faktisch ist sie im Frieden aufgewachsen, nicht minder faktisch glaubt sie nicht, dass dieser halten wird, wenn demnächst die ersten Staaten untergehen. «Fridays for Future» hat gute Chancen, anders als Protestgruppen wie «Occupy» oder «March for Our Lives» langfristig mediale Aufmerksamkeit zu erhalten und Bilder zu kreieren, die es in ihrer Vehemenz mit dem Woodstock-Schlamm aufnehmen können. Es passt gut und ungut in diese Zeit, in der ein Politiker wie Donald Trump über die Grösse seines Atomknopfes sinniert, dass eine Bewegung nur dann in ihrer Relevanz erkannt wird, wenn sie mit Apokalypse argumentiert.

Es geht um neue Grenzen

Seitdem die grosse Greta-Erzählung am 20. August 2018 vor dem Parlament in Stockholm begann, geht es aber – anders als bei den Hippies – nicht mehr um Entgrenzung, Freiheit und Distanz zu den Eltern. Es geht um neue Grenzen. Fridays for Future fordert die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius, die radikale Veränderung eigentlich jedes Lebensbereichs und damit das Ende eines vogelfreien Verständnisses von Individualität.

In diesem Punkt unterscheiden sich die Klimakinder von 2019 auch sehr von der Generation Y, deren Ruf so schlecht ist wie ihr Name. Zwischen den frühen Achtziger- und den späten Neunzigerjahren geboren, schauen sie nun den Jüngeren dabei zu, wie die die Arbeit machen. Nach dem Schock von 9/11 und unter dem Eindruck von Angst und Unsicherheit wurde Freiheit für diese Generation eher zum Imperativ des biografischen Funktionierens. Der vermeintliche Ausbau von Individualität wurde zum einzig logischen Lebensentwurf einer auch lähmenden Leistungsgesellschaft. Dennoch wusste auch diese Dazwischen-Generation (wobei der Begriff Generation eine Verallgemeinerung ist und nur Strömungen wiedergeben kann) um die Probleme der Welt, doch die Scham des Nichtstuns fühlte sich bleiern an. Nun rufen die sehr Jungen ihr entgegen: nicht fliegen, obwohl es billig ist. Nicht verdrängen, obwohl man das so gelernt hat. An die Arktis denken, und nicht nur an die eigene Wohnung. An ein Wir denken, nicht nur an das Ich.

Die neue Bewegung tritt auch anders auf als die Hippies. Sie knüpft zwar an den Geist der Sechziger an, an das Gewahrwerden der Heimat Erde in ihrer Schutzbedürftigkeit und den Ausbruch aus gewachsenen Strukturen. Indem sie Frauen an ihre Spitze stellt und dafür keinen Diversity-Preis haben will, folgt sie Forderungen nach einer bunten Gesellschaft. Aber man kann sich demonstrativen LSD-Konsum und die Ekstase über Jimi Hendrix' Anti-Nationalhymne bei den Klima-Aktivisten von heute so gut vorstellen wie Hippies mit Dating-Algorithmus und Excel-Tabelle. Hier treten Menschen auf, die ihre Argumentation auf Daten stützen und nicht auf Sturm-und-Drang-Gefühle.

Gemein dürfte allen Jugendbewegungen das grosse Gefühl von Zusammengehörigkeit sein. Ein wenn auch nur kleiner Teil des Ganzen zu sein: Das war Woodstock; dieser beinah familiäre Zusammenhalt ist auch bei Fridays for Future spürbar – während grosse Teile der Gesellschaft im politischen Diskurs auseinanderdriften. Gerade weil die Akteure heute so jung sind, stehen die Chancen auf eine Versöhnung der Generationen und die Überwindung des übergrossen Egoismus nicht schlecht. Die Generation Thunberg sucht eher den Schulterschluss mit den Eltern als deren Verdammung, sie sucht den Austausch mit Obrigkeiten und Industrie. Wenn nun auch die Y-Leute den Schulterschluss mit den Klimakindern suchten und den Status als Einzelwesen aufgäben, wäre das fast ein bisschen Woodstock. Zusammen für etwas zu sein. Oder auch dagegen.

Créé: 12.08.2019, 09h31

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